Hochschule im Bild – Die Künstlerfeste 1924-1958

Hab ein bisschen Phantasie –

Werner Lange und die Künstlerfeste an der Kieler Handwerker- und Kunstgewerbeschule KIHAUKU

von Ulla Schmitz-Bünder

Der gut Verkleidete hat sich entkleidet,
so sieht er inwendig aus.
Er wirft damit einen Traum über sich,
den Traum von einem bunten oder großen Tier.

(Ernst Bloch, Ästhetik des Vorscheins)

Die „bunten oder großen Tiere“, verkleidete Menschen, Kostüme und traumhafte Dekorationen, begegnen uns auf Künstlerfesten. Es ist der Wunsch der Menschen, sich zu verkleiden, die alltäglichen Hüllen zu erneuern und so Träume zu verwirklichen. Ihre Verkleidung „entkleidet“ sie: Künstlerfeste sind so Zeitzeichen, Dokumente und Wegweiser geschichtlicher und gesellschaftlicher Entwicklungen. Sie geben Auskunft über Institutionen und über die Menschen, die in diesen arbeiteten, lebten und auch feierten. Der Lehrer Werner Lange und die Künstlerfeste der damaligen Kieler Handwerker- und Kunstgewerbeschule, der Vorläuferin der heutigen Muthesius Kunsthochschule, stehen beispielhaft dafür.

In Zentren wie Berlin, München, Wien, Weimar, Köln, Hamburg und auch in Kiel gab es Künstlergruppen, die sich um die Gestaltung von Bällen, Atelierfesten, Sitzungen, Umzügen und andere spontane Feste kümmerten. In Kiel gegannen die phantastischen Kostümfeste der angehenden Künstler Anfang der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Die interessierte Kieler Öffentlichkeit nahm regen Anteil daran. In ihnen mischten sich Folklore und Bräuche ferner Länder mit Tradition, Karneval und Comedia dell`Arte. Vieles wurde auf diesen Festen offen und frei erprobt, was später Bestandteil der Kunstentwicklung wurde (7). Diese Feste griffen das Zeitgeschehen, die Politik und auch lokale Ereignisse auf. Sie waren für die heranwachsenden Kunstschaffenden auch ein Ventil der politischen Willensäußerung, in dem sie sich mit der Gesellschaft der Zeit und den besonderen Bedingungen der politischen Umbrüche seit dem Ende des 1. Weltkrieges auseinandersetzten.

Werner Lange hatte durch sein langes Wirken als Lehrer der damaligen Kieler Handwerker und Kunstgewerbeschule, beginnend im Jahre 1919 und (fast) durchgehend bis zu seiner Pensionierung 1954, an den Kieler Künstlerfesten einen ganz erheblichen Anteil. Sein Engagement an der Kunstgewerbeschule ist vielfach belegt.

Werner Lange im Kreis seiner Studierenden

Werner Lange inmitten seiner Schüler während eines gemeinsamen Ausflugs © Archiv MKH Kiel

Ein Lehrer wie Werner Lange mit internationalem Hintergrund, weit gereist und mit Verbindungen zu den Kunstgewerbeschulen in Berlin und Hamburg, konnte vermitteln, was andernorts geschah. Er kannte die Faschingsbälle des Künstlervolks, in Berlin hat er sich nach dem Ende der Zusammenarbeit mit Cesar Klein 1914 mit einer Freikarte zum Künstlerball danken lassen, wie Wolfgang Zeigerer in dem bemerkenswerten Band „Kunstwende“ von 1992 berichtet (6). Auch in seiner Hamburger Studienzeit mag er so manches Atelierfest mitgefeiert haben. Erste Erfahrungen für die Ausgestaltung hat ihm sicherlich sein Lehrmeister für Dekorationsmalerei, der gebürtige Rheinländer Georg Zimmermann, späterer Direktor der Kieler Kunstgewerbeschule, mit auf dem Weg gegeben. Auch im Kiel der 20er Jahre sehnte man sich nach Neuem und Festen: 1919 zeichnete Lange als Mitglied der Expressionistischen Arbeitsgemeinschaft (sie wurde am 24. April 1919 in Kiel von G. Ausleger, R. Blunck, P. Drömmer, W. Lange, H. Schilling angeführt) die Einladungskarte für das Kostümfest am 20. Dezember 1919 im Klubhaus des Westens am Wilhelmsplatz in Kiel. Dort erwartet eine im Rautensignet der Gemeinschaft eingeschlossene sitzende Figur die angekündigten „Trolle, Kobolde, Satyrn, Papagenos, Kannibalen, Meergreise und ähnliche Species Homo Sapiens“. Das Fest war durchaus ein Erfolg, wie Bärbel Manitz im Katalog „Kunstwende“ beschreibt (6). So war es nur folgerichtig, dass Lange seine Erfahrungen und Kenntnisse an ihm anvertraute Studierende weitergab.

Die Künstlerfeste der KIHAUKU

Die groß inszenierten Feste in Kieler Künstlerkreisen begannen um 1924. Bekannt sind die Titel folgender Kostümfeste, von denen viele in der Ausstellung des Kieler Stadtmuseums im Warleberger Hof 2007 aus Anlaß des 100jährigen Bestehens der Muthesius Kunsthochschule fotografisch dokumentiert wurden (21).

1925 Die Marstrommel
1926 Circus und Südseezauber
1927 Ultra-Zinnober im Hafen von KIHAUKU mit Kuddldaddldu
1928 Das Goldene Horn
1929 Der Kreisel
1930 Heliotropolis – Utopie einer Sonnenstadt
1931 Kein Künstlerfest, sondern große Schau der Schule im Thaulow- Museum
1932 Silberstreifen
1933 Yo Yo Wir Kurbeln
1934 Der Zauber-Baukasten
1935 Windstärke 13
1936 Dudelsack und Paukenschlag – Biwak der Zinnsoldaten
1937 Zirkus kariert
1938 Die Wunderkugel

Die Namen der Kostümfeste waren ihr Programm – sie entschieden über Kostüme, die Inszenierung in den Festsälen, die „Lyrik“ der Einladungen und die Musik. In ihrer Phantasie können sie mit den Festen an der Hamburger Kunstgewerbeschule (deren Titel: 1920 Die gelbe Posaune, 1922 Der himmlische Kreisel, oder 1921 Tigertanz und Götzenpauke) verglichen werden (8). Die Festlokalitäten wechselten. In Kiel mietete man die Räume des „Faun“ in der Karlstraße für „Die Marstrommel“ 1925, die Tonhalle am Sophienblatt für „Heliotropolis“ 1930, „Zauber-Baukasten“ 1934 und „Windstärke 13“ 1935, selten wurde in den eigenen Räumen in der Wilhelminenstraße gefeiert. Die Karten waren begehrt, da oft nur auf Einladung und nur in der Schule erhältlich. Sie kosteten damals, z. B. für das Kostümfest 1930, bis zu stolzen 10 Reichs-Mark (Schüler ermäßigt). Da Kostümzwang bestand, bot das Künstlervolk eine Kostümberatung an oder man konnte sich über die zum jeweiligen Motto passenden Kostümskizzen in einem Schaukasten der Schule informieren. 1925 findet sich auf der Einladungskarte sogar der Zusatz „Gesellschaftsanzügler zahlen Strafe!“. Bühnentechnik, Beleuchtung, phantastische Objekte im Raum, Festdekoration, Kostüme, Plakate, Einladungskarten, Dichtung, Musik und Tanz, einschließlich der Kostümberatung wurden vorbereitet.

Die sogenannten KIHAUKU-Feste von 1924 – 1939 entlockten der Kieler Presse Schlagzeilen. „Zauberdekorationen und einmalig schöne Kostüme“, „Zweitagesfeste im rauschenden Glanz“, „Höhepunkte des winterlichen gesellschaftlichen Lebens“ wurde getitelt (5, S. 35). Von Werner Lange stammt der Titel „Ultra-Zinnober im Hafen von KIHAUKU mit Kuddldaddldu“ für das Fest 1927. Der Holzschnittbogen zu diesem Fest ist erhalten. Das wohl erste Comic der Kieler Künstlerschmiede zeigt auf einem großen einmal gefalzten Bogen eine Bilderfolge mit 9 nummerierten und betexteten expressionistischen Holzschnitten in rot und schwarz. Am oberen Bildrand räkelt sich eine Seeschlange mit der Körperinschrift „KUDDLDADDLDU HEIN BUTT VON KI-HAU-KU 1927“. Erzählt wird die Geschichte der Matrosen Kuddldaddldu und Hein Butt – ihre Seefahrt und ihre Teilnahme am Kostümfest.

Hochschule im Bild - die Künstlerfeste

Holzschnittbogen „KUDDLDADDLDU HEIN BUTT VON KI-HAU-KU 1927“ in schwarz und rot gehalten © Archiv der MKH

Als literarische Vorlage diente hier die damals allseits bekannte Kunstfigur Kuttel Daddeldu des Matrosen, Malers und Lyrikers Joachim Ringelnatz (1883 – 1934). 1920 veröffentlichte dieser den Gedichtband „Kuttel Daddeldu oder das schlüpfrige Leid“, der Ringelnatz während einer Tournee durch die Kabarettbühnen der Hauptstädte sehr bekannt machte. Der derb humoristische Seemann wurde als neue Kunstfigur des literarischen Kabaretts bekannt. „Daddldu wurde fröhlich und laut,“ heißt es in der Ballade „Vom Seemann Kuttel Daddldu“ – wie geschaffen als Vorlage für ein rauschendes Künstlerfest in der Hafenstadt Kiel.

Ein Jahr später stellten sich die Schüler der Lange-Klasse auf orientalische Dekorationen und Kostüme ein. Einen Eindruck des Festes „Das Goldene Horn“ im Jahre 1928 vermittelt die Einladungskarte. Die lithografierte Postkarte, Wiedergabe einer blau gerahmten Tuschezeichnung auf weißem Grund, zeigt einen orientalischen viertürmigen Kuppelbau, der an die Sultan-Ahmed-Moschee im heutigen Istanbul erinnert. Ein riesiges Horn windet sich aus ihm heraus, Sterne aussendend. Die Innenseiten enthalten die „Ode an das Goldene Horn“ und „Das Bänkelsänger Lied“. Das „Goldene Horn“ ist die Bucht am Bosporus, die seit dem Altertum ein Grenzbereich zwischen Europa und Asien bildet.

Hochschule im Bild - Kostümfest

Postkarte zum Kostümfest „Das Goldene Horn“ von 1928 © Archiv MKH Kiel

Das Motto entstand in Anspielung auf die politischen Umbrüche in der Türkei und den Aufbau eines modernen Staates durch Atatürk. In die Zeit ab 1923 fallen die umfassenden Reformen des türkischen Staates unter Mustapha Kemal Pascha (Atatürk). Das Bänkelsängerlied enthält viele Hinweise auf die umfassenden türkischen Reformen: ab 1922 Abschaffung des Sultanats und Kalifats, Einsetzen eines europäischen Rechtssystems und Verbot der Scharia, 1924 Kleiderreform mit Abschaffung des Fez und Verbot des Schleiers:

»Dragoman Hussa El Maschra
Aus Angora kommt nach Kiel
Soll uns durch den Balkan führen
Goldenes Horn heißt unser Ziel
Ottomanen /Ottofrauen
Laßt uns tanzen / Laßt uns schauen
Derwischtänze, Flötenspiel!…………

Wir armen Komitatschis
im breiten Schuh Mit Plattfüß
Wir klauten ehrlich Hammet
Da kam der Pascha Kammel
Und sprach zu uns: Ihr Lümmel
Ihr widerlich Gewimmel
Gleich laßt ihr fein das Klauen Sonst wert ich euch verhauen!
Die alten Balkansitten Die haben ausgelitten
Wir tragen nun Zylinder Der Fez kommt an den Schinder
Uns unsrer Frauen Münder sind schleierlos gesünder
denn ich bin jetzt modern, ihr werds auch noch wern!…«

Zwei Jahre später, 1930, entwickelte Werner Lange expressionistische Kostüme und Figuren für das Künstlerfest „Heliotropolis“.  Helios, der Sonnengott und Sohn der Titanen, stand hier Pate für eine utopische, sonnenerfüllte Stadt. Die Einladung in Versform:

»WUNDERBLUMEN-BLÜTENBAUM
STEILER STALAKTITENTRAUM,
GOLDENE GEORGINEN GEIGEN
SÜSSE MANDARINEN REIGEN
KAKADU UND KAKASIE
EXPLANTAPHANTASIE
UNGESTRAFTES PALMENWANDELN
VON DEN WEIBELN VON DEN MANDELN
HUSCHEN HASCHEN MIT DEN HOLDEN
DURCH DIE DSCHUNGEL-DATTEL-DOLDEN
PAPADU UND MAMAGEI,
EXOZOOPHANTASEI
CARNEVALE REGIA
FALTERT AUF – NUN IST SIE DA“
ZVOER NÄCHTE KURZE GLUT-
TANGO-BANJO-TÜRKENBLUT!!!
STAUNEN SOLL SEMIRANIS
HIER IN Heliotropolis«

Hochschule im Fokus - die Kostümfeste

Einladungskarte Heliotropolis KI-HA-U-KU Fest 1930, Lithografie © Archiv der MKH

 

Zwei Jahre darauf schwebt ein neues kritisches Bild über dem Künstlerfest. 1932 laden die Künstler mit den folgenden Zeilen ein:

»Not verordnet Paragraphen,
Kiel kann Tag und Nacht nicht schlafen.
Alles meckert, miest und quakt,
Optimismus ist vertagt!
Da – am Horizont zum Greifen:
Jungs, holt fast den Silberstreifen!«

Die schmale, längliche Einladungskarte ist in Rot- und Grautönen gehalten. Zwei swingende Figuren, eine leicht bekleidete Dame prostet dem Seebären zu, der aufpassen muss, um nicht seine letzte Hülle zu verlieren. Auf der Einladungskarte wird auf die Schülerwinterhilfe hingewiesen. Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit (6 Millionen Arbeitslose im Deutschen Reich im März 1932) hatten auch vor Einsparungen an der Kunstgewerbeschule nicht haltgemacht. Die Aussichten für die Kunstgewerbeschule waren schlecht: In Kiel sollten künftig nur noch die Abteilungen für Grafiker, Maler und Tischler bestehen bleiben, teilte damals der Reichsminister der Stadt Kiel mit. Die renommierte Breslauer Akademie musste sogar ganz schließen. Die Antwort der Künstler: Trotzdem- „Himmel – Donner – Doria! noch ist Ki-Ha-U-Ku da. Holla, alle Mann an Deck, reißt den schwarzen Vorhang weg!“ So zeigte sich die Kunstgewerbeschule und ihre Lehrenden beim rauschenden „Silberstreifen“ 1932. Ahnten sie bereits, wie bitter ihre Hoffnungen auf einen Silberstreifen am Horizont in der Folgezeit enttäuscht werden würden?

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten hatte gravierende Folgen für die Kieler Kunstgewerbeschule. Sie wurde 1938 umbenannt in die „Meisterschule des deutschen Handwerks“ und hatte als staatlich unterstützte Fachschule für Tischler, Maler und Grafiker zu einer rein handwerklichen Schule in beengenden räumlichen Verhältnissen zu schrumpfen. Viele Lehrende wurden entlassen oder mussten bald in den Krieg ziehen. Bereits 1933 hatte die Schule die großzügigen Gebäude der Wilhelminenstraße eintauschen müssen gegen das Ausweichquartier in der ehemaligen Mädchen-Bürgerschule in der Küterstraße 17 mitten in Kiel. (3) Damit einhergehend hatten jetzt Staatsbürgerkunde und Leibesübungen auf dem Stundenplan zu stehen. Über das letzte Fest „Die Wunderkugel“ 1938 schreibt Neuser in seinen Erinnerungen: „Das letzte Fest glich wahrhaft dem Riesentanz über einem glühenden Vulkan. Die Nachdenklichen unter den Festgästen werden es so empfunden haben – viele Anzeichen deuteten auf den nahenden Krieg hin“ (5, S.41).

Die Feiern wurden während des Krieges ausgesetzt – die damalige Handwerkerschule musste mehrfach umziehen. An ihrem letzten Ort im Krieg, in der Küterstraße, vernichtete eine Brandbombe das komplette Gebäude. Daher sind der Muthesius Kunsthochschule aus dieser Zeit keine Dokumente erhalten geblieben. Werner Lange, der von dieser Zerstörung betroffen war, da sein gesamtes Atelier mit vielen eigenen Werken den Flammen anheim fiel, hat diese Katastrophe in einer von ihm signierten Zeichnung festgehalten. Vier gebeugte Gestalten zeichnete er, verloren suchend in der Mitte der Ruinen. Im zerbombten Kiel damals Alltag, für die Künstler eine schwere, hoffnungslose Situation. Nach kriegsbedingter Schließung der Schule konnte sie im Ausweichquartier der ehemaligen Marinefachschule Herthastraße in der Wik 1946 wieder in Betrieb gehen (3).

Hochschule im Fokus - die Kostümfeste

Signatur: Kunstgewerbe Schule am Kütertor. 14.12.1943 nach dem Fliegerangriff. Werner Lange © Archiv MKH

 

Ultra Zinnober Feste nach Kriegsende

Nach dem Krieg wurden die Kostümfeste weitere zehn Jahre fortgesetzt, dann unter dem Lange-Titel „Ultrazinnober“. Damit knüpfte man an den Titel von 1927 „Ultra Zinnober im Hafen von KIHAUKU“an. Erhalten ist eine Einlaßkarte des 1. Festes nach Kriegsende aus dem Jahr 1949. Der Entwurf von Werner Lange und Fritz Neuser zeigt auf einer kleinen Klappkarte alle Insignien des närrischen Volkes. In rotem Zinnoberton purzeln die Buchstaben des ULTRA ZINNOBER – Schriftzuges lustig durcheinander, ein fröhlicher Clown grüßt mit der Banderole „Einladung“, rückseitig singt das Maskenvolk Sektkelche schwingend ein Rundlied zur Einstimmung

»HEUT BIN ICH BLAU MORGEN NOCH BLÄUER
LILA UND BEIGE MIR NICHT GEHEUER
UND GELB IS NIX UND GRÜN IS NIX
SO ICH MEINE FARBEN MIX
ZICK ZACK ZIPPERLEIN
NOCH NE PULLE HERR OBER
ULTRA ZINNOBER ULTRA ZINNOBER
HINEIN HINEIN! ULTRA ZINNOBER…….«

Die Einladungskarten, typische Grafiken der 50er Jahre, spiegeln das neue Lebensgefühl und den Aufschwung nach dem Krieg wieder. 1954 ging Werner Lange in den Ruhestand. 1958 beendete der damalige Direktor Levsen die ausufernde Tradition der Ultra Zinnober Feste in den Hochschulgebäuden. Grund war wohl eine Messerstecherei, die dazu führte, dass nun nicht mehr in den Hochschulgebäuden gefeiert werden durfte. Man ließ das Feiern nicht und suchte sich Lokalitäten wie z.B. den Eiderkrug. So erinnert sich der damalige Student des Grafikdesign und heutige Alumni Prof. Bernhard Schwichtenberg an ein rauschendes Fest Anfang der sechziger Jahre dort. „Mutationen“ war das Kostümfest getitelt, das drei Tage andauerte und an dem er selbst als damaliger Student und AStA-Sprecher mitgewirkt hat (20).

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Innenseite der Einladungskarte zum Künstlerfest 1949 © Archiv MKH Kiel

 

Welche Bedeutung hatten die Künstlerfeste für Werner Langes Wirken als Lehrer und für die Kieler Kunstgewerbeschule?

Der Kieler Maler und Sänger Lothar Schlüter hat Werner Lange während seines Studiums von 1947-1949 erlebt. Er erinnert sich gut an ihn:

»Als jüngster Schüler besuchte ich seine Kurse zur Aktmalerei und weiß noch von festlichen Zusammenkünften aus dieser Zeit. Ab 1952 wurde zu Beginn der Karnevalszeit wieder kräftig gefeiert. Es wurde ein gewaltiger Aufwand bei Entwurf und Herstellung der Dekorationen und der Kostüme betrieben. Riesige Säle wurden ausgestattet. Lange selbst entwarf Theaterkulissen und malte sie aus,“ so Schlüter. „Als Trio – Die drei Gebrüder Schlüter – Lothar, Harald und Ewald sorgten wir für musikalische Beiträge, 1953 machte uns der Schlager „Kiel – Köln – Karneval“ stadtbekannt. Als Student war meine Stimme und die (Sperrholz) Gitarre bei allen Festen hoch willkommen« (20).

Von dem akademischen Habitus eines Hochschullehrers ist der engagierte Werner Lange Zeit seinen Lebens weit entfernt, wie Schlüter erinnert. Gemeinsame Ausflüge zu Naturstudien und Atelierfeste waren an der Tagesordnung. Die Klassen waren klein, die persönlichen Kontakte prägend. Man arbeitete gemeinsam – so zeigte sich Werner Lange im Atelier, selbst die Kulissen vorbereitend aber auch kräftig mitfeiernd. Ein weiteres Foto aus dem Jahre 1932 bildet ihn mit einer Silberstreifengabel inmitten kostümierter Gäste ab – beide Motive s. Minibild-Galerie am Ende dieses Beitrags.

Lange setzte während seiner langen Lehrtätigkeit an der späteren Muthesius Kunsthochschule ganz bewusst auf das „Lehrmittel“ des „Künstlerfestes“. Dabei spielten sowohl künstlerische Gründe als auch pädagogisch-didaktische Gründe eine Rolle: Er wusste um die breite kulturelle Bewegung des Expressionismus und vertrat sie daher nicht nur in der Bildenden Kunst, sondern auch in Literatur und Theater. Lange war als expressionistisch gesinnter Künstler und Lehrer die Vermittlung eines entsprechenden Menschenbildes wichtig. Bärbel Manitz hat in ihrem Beitrag zu „Werner Lange – Mensch, Gruppe, Hoffnung“im Katalog Kunstwende 1992 sein Menschenbild anhand seiner Werke umfassend reflektiert. Hier beschreibt sie auch das Finale seines expressionistischen Werkes in dem Bild „Groteske“ von 1923, das heute verloren ist. „Präsentiert wird diese chaotische, antibürgerliche Welt des Spiels, des Theaters bzw. der Ausgeburten malerischer Projektionen von einer vorn liegenden fröhlichen Clowns-Maske. Diese umfasst mit ausgestreckten, überlangen Armen beide Bildteile, also Innenwelt und Außenwelt,“ so Manitz. Die Darstellungsform der Groteske findet sich in der Bildenden Kunst auch vergangener Zeiten wie in Tanz und Theater der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. Sein Berliner Zeitgenosse George Grosz verwendete sie, um das damalige Nachkriegsgefühl der Gesellschaft und der Menschen in eindrucksvoller Form wiederzugeben. Davon blieb Lange nicht unberührt. Diese Spuren hinterließ er auch als Lehrer an der Kieler Kunsthandwerkerschule: durch seine Übungen in der Aktmalerei, aber sehr viel eindrucksvoller und freier im Maskenspiel und Kostümentwurf.

Hochschule im Bild - Die Künstlerfeste

Kostümentwurf von Leonore Vespermann, um1923. Vespermann studierte 1919-1926 an der KIHAUKU © Archiv MKH Kiel

 

Heute spricht man in der Hochschuldidaktik von „Projektstudium“, wenn am Projekt „Künstlerfest“ alle Arbeiten von der Planung, der Konzeption und der praktischen Umsetzung in den Händen der Studierenden liegen. Damals fing man in der Regel bereits im Oktober mit der Planung an und arbeitete fast das gesamte Wintersemester daran. Hier konnten umfangreiche Kenntnisse erworben werden. Die Voraussetzungen schuf die Kunstgewerbeschule mit ihren umfangreichen und gut betreuten Werkstätten. Dies wird auch von Eduard Levsen (Direktor von 1946-1961) betont, der zum 1. Großen Kostümfest nach dem Krieg in Jahre 1949 schreibt:

»Die Vorbereitungszeit und die Errichtung der Dekoration sind Unterrichtsstoff. Die Muthesianer haben vor das Vergnügen den Schweiß – und die Fortbildung gesetzt. Sie verstehen es ausgezeichnet, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden (3, S. 49).«

Und Werner Lange wusste: Das Komische befreit! Und es ist immer von der Kommunikation abhängig – denn allein macht es keinen Spaß. Gelächter kann einen befreienden Charakter haben, und im Umgang mit anderen Menschen entkrampfen und geschmeidig machen. Bereits Sigmund Freud beschrieb die hilfreiche Funktion des Humors, die es schafft, auf unspektakuläre Weise mit den Problemen der Realität fertig zu werden.

In der Zeit des Umbruchs, zwischen den zwei Weltkriegen und der schweren Zeit ab 1945, waren alle Bürger hungrig nach dieser Art von Abwechslung und Vergnügen, wie Zeitzeugen dies berichten. Für die Schulgemeinschaft der KIHAUKU waren die Künstlerfeste von nicht zu unterschätzender Bedeutung und dies aus mehreren Gründen: Sie dienten der Selbstdarstellung der Schule, zeigten ihr Ausbildungsniveau und die künstlerischen Talente, gaben Einblick in das vielseitige Schaffen. Schließlich war die KIHAUKU eine vielseitige Schule, eine der anerkannten Werkkunstschulen, ausgestattet mit Werkstätten und Fachklassen auf hohem Niveau. Die Muthesius-Werkschule hatte 1949 Abteilungen für Gold- und Silberschmiede, Metallbearbeitung, Raumgestaltung und Möbel, Buchbinderei, Bau- und Dekorationsmalerei, Flachweberei, Textil, Keramik, Tischlerei, Grafik und Druckerei (5, S. 50). Damit waren alle Ressourcen für die Festplanung vorhanden und nah beieinander.

Die Künstlerfeste waren in Kiel ein Bindeglied zwischen dem Kieler Publikum und den Künstlern – waren quasi ein wundervoll effektives Mittel der Öffentlichkeitsarbeit der Handwerker- und Kunstgewerbeschule. Fritz Neuser, Lehrer für Typografie seit 1930 an dieser Vorgängerinstitution der Muthesius Kunsthochschule, schreibt in seinen Erinnerungen

»Sie waren in der Bevölkerung Kiels und darüberhinaus so bekannt – berühmt, sagen heute manche noch -, dass viele nur von daher von der Existenz dieser Kunstschule wussten. An der Organisation hatte Zimmermann, der gebürtige Rheinländer, während seiner Amtszeit weitgehenden Anteil…. Die Gestaltung dieser Feste bot den Lehrern und Schülern einen Anreiz, einmal im Jahr ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen. Spätestens Anfang November wurde der ganze Schulbetrieb auf die Vorbereitungen des Festes eingestellt, das gewöhnlich Anfang oder Mitte Januar stattfand.« Kritisch setzt er hinzu: »Heute scheint es mir, als habe seinerzeit die Schule ihre ganze Kraft in die Vorbereitung und Durchführung dieser Feste verpulvert ( 5, 1982)«

Der Kieler Künstlerkarneval war fester Bestandteil des Schullebens, brachte Lehrende und Studierende auch persönlich näher – förderte den Zusammenhalt unter den angehenden Künstlerinnen und Künstlern. Und schließlich schulten sie die praktischen Kompetenzen der angehenden Kunstschaffenden, indem sie alle Entwürfe zur Ausgestaltung selbst umsetzen mussten.

In seinen Erinnerungen spricht der damalige Direktor Eduard Levsen einen weiteren wichtigen Aspekt dieser Kostümfeste an: »Der Überschuss aus den zwei tollen Nächten fließt in die Kasse der Studierenden, die übrigens auch als Veranstalter verantwortlich zeichnen« (3, S. 49). Die Feste waren folglich auch eine nicht unbedeutende Einnahmequelle, es ist bekannt, dass über die Einnahmen so manche prekäre Situation entschärft werden konnte. So ist auf den Eintrittskarten des Kostümfestes „Silberstreifen“ von 1932 der Zusatz „Schülerwinterhilfe“ ausdrücklich vermerkt, die Einladung für „Windstärke 13“ 1935 ist übertitelt „ Schülerhilfsfest der Handwerkerschule Kiel“. Mit den Überschüssen wurden bedürftige und begabte Studierende unterstützt. Wahrscheinlich hat dabei auch so manche Begabung ihren Weg zu einem Arbeitsplatz gefunden.

Festzuhalten bleibt, dass die hier betrachteten historischen Künstlerfeste an der KIHAUKU der lokalen künstlerischen Avantgarde die Gelegenheit gaben, das einengende reale und moralische Korsett der jeweiligen Zeit zu sprengen, um sich zumindest für eine kurze Zeit und für die Festtage eine fröhliche, oft auch kritische Gegenwelt zu bauen. Die heitere, entlastende Metamorphose in der Kostümgarderobe zeigt in der Verkleidung die eigentlichen Wünsche und Einstellungen der Verkleideten. Dies entsprang einem starken Bedürfnis der Menschen dieser Zeiten.

Textauszug aus dem Katalog der Ausstellung „Werner Lange – hab ein bisschen Phantasie“. S. Behrens, H. Repetzky, M. Müller, U.Schmitz-Bünder (Hrsg.) Heikendorf 2013. ISBN 978-3-00-042787-9.

Quellen

  1. (1) Ausstellung des Stadtmuseums Kiel im Warleberger Hof 20.05.-01.07.2000. Zu sehen 35 Fotografien, die während der Feste von 1925 bis 1929 entstanden. Sie stammen aus dem Fotoalbum von Martha Wiedebusch-Perrey (1905-2006), die 1922 für vier Semester an der Kieler Handwerker- und Kunstgewerbeschule eingeschrieben war. Ein Fotoalbum von Werner Lange ergänzte diese Ausstellung.
  2. (2) Doris Tillmann, Karneval und Fasching in Kiel. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte. Bd. 80. Kiel 1999-2003. S. 145ff.
  3. (3) Norbert M. Schmitz et al. (Hg.), Erkenntnisform. 100 Jahre Muthesius Kunsthochschule. Kiel 2007.
  4. (4) Muthesius-Hochschule Kiel,(Hg.), Sichtraum. Architektur, Design, Kunst – Muthesius-Hochschule, Kiel 1907 -1997. Kiel 1997.
  5. (5) Jan S. Kunstreich, 75 Jahre Kieler Kunstschule. Ein historischer Rückblick. Kiel 1982.
  6. (6) Kunstwende. Der Kieler Impuls des Expressionismus 1915-1922. Katalog der Stadtgalerie im Sophienhof Kiel. Kiel 1992.
  7. (7) Michael Cornelius Zepter, Maskarade. Künstlerkarneval und Künstlerfeste in der Moderne. Böhlau Verlag Wien, Köln, Weimar 2012.
  8. (8) „Hans Leip und die Hamburger Künstlerfeste“, Katalog der Ausstellung in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg. Herzberg 1993.
  9. (9) Wulf Herzogenrath (Hrsg.), Bauhaus Utopien. Köln 1998.
  10. (10) Rainer K. Wick, Bauhaus Pädagogik. Köln 1994.
  11. (11) Jeanine Fiedler/Peter Feierabend (Hg.), Bauhaus. Köln 1999.
  12. (12) Werner Langes Leben und Werk. Artikel in der VZ Nr.163 vom 16.07.1955.
  13. (13) Betrachtungen vor dem Werk Werner Langes. Artikel in der VZ Nr.65 vom 16.03.1956.
  14. (14) Faltblatt. Ausstellung Werner Lange Kiel Zum 60. Geburtstag des Künstlers. Kunsthalle zu Kiel 13.06. – 12.07.1948
  15. (15) Karl Rickers, Werner Lange. Katalog der Ausstellung in der Kunsthalle Kiel 11.03.-08.04.1956.
  16. (16) Karl Rickers, Der Kieler Maler Werner Lange. Kieler Stadtmuseum Warleberger Hof. Kiel
  17. (17) Maskarade. Werner Lange 1888-1955. Retrospektive zum 100. Geburtstag. Katalog zur Ausstellung in der Stadtgalerie im Sophienhof Kiel. 22.10.-27.11.1988.
  18. (18) wikipedia.org/wiki/Kuttel_Daddeldu. Letzter Zugriff am 07.01.2013.
  19. (19) Bärbel Manitz, Leonore Vespermann. Heide in Holstein 1991.
  20. (20) Oral Histories: Herrn Lothar Schlüter, Kiel, und Herrn Prof. Bernhard Schwichtenberg, Kiel, Frau Heidrun Borgwardt bin ich für ihre stete Gesprächsbereitschaft zu großem Dank verpflichtet.
  21. (21) Fotos: Ein großer Dank an das Kieler Stadtmuseum Warleberger Hof für die Überlassung des umfangreichen Fotomaterials zum Thema.
08.05.2012