Hochschule im Bild – Tradition und Zukunft

Bildhauerkalsse um 1930

Das 19. Jahrhundert, das Jahrhundert der industriellen Revolution, brachte weit greifende Veränderungen für das Handwerk mit sich. Während englische Produkte auf den Weltausstellungen als Maßstab für die Qualität des internationalen Kunstgewerbes galten, wurde »Made in Germany« als Kennzeichen minderer Waren eingeführt. Das sollte sich ändern.
Als eine Art »Geschmacksspion« entsandte die preußische Regierung den Architekten Hermann Muthesius für sechs Jahre nach England, wo er auch die dortigen Werkstätten besuchte. Nach seiner Rückkehr wurde er zum Minister für Handel und Gewerbe berufen. Diese Position nutzte er für eine tiefgreifende Reform der Ausbildung. Geprägt von Erfahrungen, die er in England gemacht hatte, formulierte Muthesius 1904 den sogenannten Werkstättenerlass. Darin war die Einrichtung von Lehrwerkstätten vorgeschrieben.

01.04.1907 Handwerkerschule mit kunstgewerblichen Fachklassen

1845 hatte sich wie vielerorts auch in Kiel ein Gewerbeverein mit einer angegliederten Gewerbeschule gebildet. Dort erfolgte der Unterricht nicht nach festgelegten Stundenplänen sondern nach Absprachen zwischen Schülern und Vereinsmitgliedern. Am 1. April 1907 spaltete sie sich auf in eine gewerbliche Fortbildungsschule und die Städtische Handwerkerschule zu Kiel, deren Lehrkräfte getreu der Pläne von Muthesius ausschließlich aus dem Handwerk kamen. Im Sommerhalbjahr 1907 besuchten 864 Schülerinnen und Schüler die Nachmittags-, Abend- und Sonntagsschule und 69 die Volltagesschule. Von Beginn an bemühten sich die Schulen um Teilnahme an öffentlichen Ausstellungen sowie Wettbewerben.

1907 untergebracht im Gebäude Küterstraße 5, dem Moltke´schen Haus, vormalig Ahlefelder Adelshof, später im großen Buchwaldtschen Adelshof – beide wurden im 2. Weltkrieg zerstört. Mitnutzen von Gebäuden am Waisenhof, in der Herzog-Friedrich-Straße und der Sternstraße, sowie das Thaulow-Museum.
 
1908 Beginn des Neubaus an der Wilhelminenstraße. 19.03.1909 offizielle Einweihung der „Handwerkerschule mit kunstgewerblichen Fachklassen“ im Gebäudeflügel Wilhelminenstraße (8000 qm) auf dem Triangelgrundstück Wilhelminenstraße, Knooper Weg und Fährstraße, der heutigen Legienstraße. Die Kosten betrugen 711000 Mark. Spätere Nutzung als Kgl. Höhere Schiffs- und Maschinenbauschule sowie durch die Fachhochschule Kiel.
Postkartenansicht der Handwerkerschule

1.10.1913 Berufung von Prof. Caspar Lennartz zum Direktor

1909 erfolgte erstmals die Aufnahme der Photographie in die Lehre. Im Jahr darauf erhielt die Handwerkerschule den Untertitel »Technische und kunstgewerbliche Fachschule«, der ihr breitgefächertes Lehrangebot betonte. Durch öffentliche Vorträge und diverse Veranstaltungen avancierte die Schule zu einer wichtigen kulturellen Institution. Im Herbst 1913 wurde die bis dahin gemeinsame Leitung von Fortbildungsschule und Handwerkerschule getrennt. Mit der Neubesetzung des Direktorenpostens war eine gründliche Neuordnung der Schule geplant. Diese vereitelte jedoch zunächst der beginnende Erste Weltkrieg. In dessen Folge wurde das Schulgebäude militärisch belegt.

1914–1919 provisorische Unterbringung als »Städtische Handwerkerschule« im Erweiterungsbau des Thaulow-Museums am Sophienblatt und Ziegelteich und in der Küterstraße. Im Frühjahr 1918 per Ministererlass Umbenennung in »Handwerker- und Kunstgewerbeschule«.
 
1919–1933 als »Städtische Handwerkerschule« untergebracht im Gebäudeflügel Wilhelminenstraße. 1933 verfügt der Minister die Auflösung aller Fachabteilungen bis auf die der Tischler, Maler und Grafiker. Die Schule muss das Gebäude an der Wilhelminenstraße vollständig räumen.
Holzklasse 1928-29 

13.12.1943 Brandbomben zerstören das Schulgebäude

Die Wirtschaftskrise zu Beginn der 1930er Jahre ging auch an den Handwerker- und Kunstgewerbeschulen nicht vorüber. Der Zusatz »Kunstgewerbeschule«, einstmals eine Auszeichnung, die auf die Vielseitigkeit der Schule hinwies, wurde getilgt. Die Kieler Schule hieß nun Handwerkerschule Kiel, und wie vielerorts wurden als Folge der Wirtschaftskrise auch hier Abteilungen geschlossen, einhergehend mit zunehmendem »kulturpolitischen« Betreiben der Nationalsozialisten, welche nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen die breit gefächerten Abteilungen ablehnten. Laut ministerialem Erlass sollte fortan die bodenständig-bäuerliche Kultur betont werden. Die Meisterschule führt ab 1938 Aufträge für Partei und Staat aus, vorwiegend wurden Urkunden, Inschriften, Ehrentafeln und repräsentative Geschenke erstellt, aber auch Architekturentwürfe geliefert.

Große Ausstellung der Meisterschule des Deutschen Handwerks Kiel im Rahmen der Frühjahrsschau in der Kunsthalle zu Kiel, 1943  © Archiv Muthesius Kunsthochschule1933–1943 als »Handwerkerschule« in der ehemaligen Bürgerschule für Mädchen am Kütertor, Küterstraße 17 – heute steht dort die HSH Nordbank. 1938 umbenannt in »Meisterschule des deutschen Handwerks, staatlich unterstützte Fachschule für Tischler, Maler, Grafiker und Weberinnen«. Nach dem Bombenangriff am 13.12.1943, bei dem das Gebäude sowie auch das Thaulow-Museum zerstört werden, erfolgt der Unterricht in Notunterkünften.
 

1.10.1946 Wiedereröffnung der Schule in einer Notunterkunft

Zum Ende des Zweiten Weltkrieges besuchten noch 45 Schüler, meist junge Frauen, noch nicht wehrfähige Jugendliche oder Kriegsversehrte, die Meisterschule. Mit Kriegsende wurde sie geschlossen. Schulrätin Toni Jensen organisierte 1946 den völlig aufgelösten Schulbetrieb neu. Von den ehemals 15 Lehrenden standen ihr noch 5 zur Verfügung. Schon 1948 beherbergte die Schule wieder über 300 Schülerinnen und Schüler. Materialmangel erschwerte den Neustart, schwerer wog jedoch, dass die alten Konkurrenzgedanken des Handwerks gegenüber der Werkstattschule wieder auflebten. Erst 1949 kommt es zu einem Abkommen der Handwerkskammer Lübeck. Danach geht es stetig aufwärts.

 1945–1960 Zwei Räume in der Wilhelminenstraße. 1946 umbenannt in »Landesschule für Handwerk und angewandte Kunst«. Ab 1947 als »Muthesius-Werkschule Kiel für Handwerk und angewandte Kunst« im nördlichen Flügel der ehemaligen Marinefachschule für Gewerbe und Technik in der Herthastraße 9, Kiel-Wik.
 

6.06.1969 AStA fordert Gleichsetzung von Kunst und Wissenschaft

Erfolgreich und vor allem bezeichnend für den gelungenen Wiederaufbau der Abteilungen war die Ausstellung der Muthesius-Werkschule zur Kieler Woche 1950, die fünftausend Besucher anlockte. Im selben Jahr wurde die vor dem Krieg sehr gepflegte Verbindung zum Thaulow-Museum neu aufgenommen, das mit seinen Beständen als »Landesmuseum« Schloss Gottorf in Schleswig bezogen hatte. An der Muthesius-Werkschule wurde 1954 die Grundlehre nach Vorbild des Weimarer Bauhauses eingerichtet. Sie musste von allen vor Aufnahme in die Vorklassen der Fachabteilungen besucht werden. Neben Zeichenunterricht wurden hier vor allem elementare Grundlagen der Gestaltung vermittelt und Einführungen in die wichtigsten Werkstoffe. Eine Besonderheit war, dass diese Grundlehre nicht von einem einzigen Lehrer unterrichtet wurde, sondern von den leitenden Lehrkräften aller Fachabteilungen.
Das Sommersemester 1969 entwickelte sich zum Streiksemester. In zahlreichen Demonstrationen und Aktionen wandten sich die Studierenden gegen konservative Bestimmungen im Hochschulgesetz. Zunächst tat sich von staatlicher Seite nichts. Natürlich hatte sich das Lehrangebot bereits über die Jahre an die sich stetig verändernden Berufsbilder angepasst. Daher gab es anstelle der ehemals acht Fachabteilungen bereits eine neue Struktur mit den drei Fachrichtungen Architektur, Kunst und Design, lange bevor die Schule offiziell am 1. Oktober 1971 ihren Fachhochschulstatus erhielt.

Neubau der Muthesius Werkschule 1959 am Lorentzendamm 6-8  © Archiv Muthesius KunsthochschuleJuni 1959 Richtfest und 1960 Umzug in den Neubau auf dem Gelände zwischen Lorentzendamm, Dahlmannstraße und Brunswiker Straße. Bis 1966 unter dem Namen Muthesius-Werkschule Kiel für Handwerk und Angewandte Kunst. Danach zahlreiche Umbenennungen: Bis 1971 Muthesius Werkkunstschule. Bis 1973 Fachhochschule für Gestaltung Kiel. Bis 1994 Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Kiel. Bis 2004 Muthesius-Hochschule, Fachhochschule für Kunst und Gestaltung. Seit 2005 Muthesius Kunsthochschule.
Deutsches Plakatmuseum Essen, 1983  © Archiv Muthesius Kunsthochschule

1.10.2012 Einweihung des neuen Hochschulcampus

Die nächste einschneidende Veränderung vollzog sich zu Beginn des Wintersemesters 1979/80, als an der Christian-Albrechts-Universität in Verbindung mit dem Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Kiel ein Studiengang Kunst für Kunsterzieher an Gymnasien eingerichtet werden sollte – ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Hochschule. Nach zähen Verhandlungen und öffentlichen Diskussionen kam es 1994 schließlich zu der Gründung einer selbständigen Muthesius-Hochschule, Fachhochschule für Kunst und Gestaltung mit eigenem Rektorat. Mit der Einrichtung des Forums wurde 1996 zudem die Verbindung von theoretischer und praktisch orientierter Lehre gestärkt. Zugleich ermöglichte die Einrichtung einer Medienwerkstatt eine Optimierung der Ausbildung Studierender. Die kommenden Jahre wurden genutzt für die Entwicklung eines schlüssigen Konzeptes. Diese Mühe wurde belohnt. Für das moderne, zukunftsweisende Profil und vor allem die innovative Netzwerkstruktur gab es 2004 vom Wissenschaftsrat viel Lob. Damit erhalte die zukünftige Muthesius Kunsthochschule Modellcharakter für Deutschland, hieß es.
Als erste deutsche Kunsthochschule führt die Muthesius Kunsthochschule im Januar 2005 die modularisierte Bachelor- und Master-Ausbildung für alle Studiengänge ein, die angewandten wie die künstlerischen. Folgerichtig kam 2007 die Bewilligung des Promotionsrechtes. Krönender Abschluss dieser gewaltigen Umstrukturierungen bildete der Umzug im Jahr 2012 vom Lorentzendamm an den neu errichteten Campus Legienstraße, zurück ins historische Quartier der einstigen Handwerkerschule. Die Kosten der Umbauten und Neubauten: 11,4 Millionen Euro.

Diese Textzusammenstellung stützt sich in weiten Teilen wörtlich auf einen 30-seitigen Beitrag von Silke Krohn mit dem Titel »Tradition und Zukunft – Von der Handwerkerschule zur Muthesius Kunsthochschule«, der im Band zum 100-jährigen Bestehen der Muthesius Kunsthochschule 2007 erschienen ist.

12.05.2012